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Urängste

Es gibt Ängste, die man als Kind hatte und die man auch als Erwachsener nie ganz ablegen kann. Ich habe auch einige davon behalten und kann mich auch über 40 Jahre danach nicht davon frei machen.

Ich habe als Kind ein sehr beängstigendes Erlebnis gehabt, und das verfolgt mich auch heute noch nach so vielen Jahren.

Wir wohnten seinerzeit in einem Mehrfamilienhaus und immer, wenn mein Vater Schicht arbeiten musste, kam unser Nachbar zu uns nach Hause und besuchte meine Mutter.
Er brachte sich immer ein paar Flaschen Bier mit und hing bei uns im Wohnzimmer rum. Meine Mutter hatte nicht den Mut, ihn rauszuschmeißen, obwohl er ihr immer mal wieder zu nah auf die Pelle rückte und betrunken irgendwelches dummes Zeug von sich gab.

Eines Abends war besagter Nachbar also wieder da, und als ihm sein Bier ausging, wollte er sich neues aus seiner Wohnung holen. Ich sollte ihn begleiten und ihm beim tragen helfen. Ich war ein braves Kind und stellte nie in Frage, wenn Erwachsene etwas anordneten. Also ging ich mit. In der Wohnung angekommen, umarmte mich dieser Mann und kündigte an, etwas sehr schönes mit mir tun zu wollen, was ich jedoch niemandem verraten dürfte.

Ich weiß noch, dass ich kurz zögerte, ehe ich sagte, dass ich das nicht wolle – irgendwie war mein Respeckt vor Erwachsenen so groß, dass ich dachte, es sei mein Fehler und nicht seiner. Er hörte sofort auf und ging wieder in unsere Wohnung, ohne auch nur ein weiteres Wort darüber zu verlieren.

Ich habe keine Ahnung, wie ich in mein Bett gekommen bin – aber ich war gehorsam und sagte meiner Mutter nichts.

Am nächsten Tag in der Schule habe ich mich gequält – gehorche ich diesem Mann, der mir befohlen hat, nichts zu verraten oder gehorche ich meiner inneren Stimme, die mir sagte, das ist Unrecht, das musst du deinen Eltern erzählen.

Ich habe es mittags meiner Mutter erzählt und am Abend meinem Vater.
Sie haben daraufhin den Nachbar zur Rede gestellt, der alles abstritt und meinte, ich hätte mir das nur ausgedacht. Danach war das Thema erledigt – es wurde nie wieder darüber gesprochen.

All die Jahre habe ich mit meinen Ängsten gelebt, habe mir eingeredet, dass ja nichts passiert war, dass ja alles nicht so schlimm war und mir vorgemacht, dass ich eine glückliche Kindheit hatte.

Hatte ich das wirklich?

Nein, das hatte ich nicht. Ich lebte permanent in der Angst vor älteren Männern, die mich anfassen wollen, vor Betrunkenen, die dummes Zeug reden, die sich in dumme, übelriechende Wesen verwandeln, die lallen und wanken und mir Angst einjagten.

Und diese Angst ist auch heute noch da. Ich kann meinen eigenen Mann nicht ertragen, wenn er Alkohol getrunken hat. Ich habe Angst, alleine im Wald zu walken, ich verkrampfe mich, wenn ich einem Mann begegne, der alleine im Feld spazieren geht, ich gehe nur ungern alleine im Dunkeln nach hause… die Liste ist lang und ich kann bis heute diese Ängste nicht ablegen. Ich lebe damit und versuche, einige davon zu überwinden, aber es gelingt mir nicht immer – manchmal ist die Angst einfach stärker.

Ich habe mich nie gefragt, warum mich dieses Ereignis bis in mein Erwachsenenleben verfolgt, warum ich in Momenten, wenn ich nicht damit rechne, mit Erinnerungen daran konfrontiert werde, warum ich diese Ängste nicht loswerden kann. War es wirklich nur das Ereignis was mich quält oder vielmehr die Enttäuschung darüber, dass meine Eltern in dieser Situation nicht für mich da waren, dass sie meinten, das Thema abzuhaken und totzuschweigen sei genug, um ihrer Tochter gerecht zu werden. Oder glaubten sie mir gar nicht? Glaubten sie eher dem betrunkenen Nachbarn?

Meine Eltern haben mich alleine gelassen – allein mit meiner Angst, meiner Unsicherheit. Haben mich all das alleine durchstehen lassen – und ich habe nicht um Hilfe gebeten.

Ich habe fast 50 Jahre alt werden müssen, um das zu erkennen – und ich kann meine Eltern auch heute noch nicht dafür verurteilen. Sie sind meine Eltern, und ich verzeihe ihnen fast alles. Ich kann ihnen das heute nicht mehr vorwerfen, denn es würde nichts ändern. Aber ich bin froh, dass ich es für mich endlich so erkennen und meine Ängste besser einordnen kann.

Vor ein paar Monaten wäre ich nie im Leben allein im Feld spazieren oder walken gegangen – heute genieße ich es mit Musik auf den Ohren. Erst vor ein paar Tagen habe ich es sogar geschafft, eine unbekannte Strecke zu nehmen, bei der ich auch ein kleines Stück durch den Wald muss. Die Angst war da, aber die Vernunft hat sie besiegt, und als ich zurück war, hat mich Stolz darüber erfüllt, wieder mal eine Hürde genommen zu haben.

Ich habe lange überlegt, ob ich diese Geschichte so öffentlich schreiben will, aber ich musste sie heute einfach aufschreiben, denn sie hat mein Leben mitbestimmt, hat irgendwie auch mein Wesen mitbestimmt. Ich bin wie ich bin und bin endlich bereit, mich mit all meinen Ängsten, Fehlern und Schwächen zu akzeptieren. Ich bin bereit, meine Geschichte anzunehmen und damit zu leben.

Irene
1.11.06 21:13
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ellen (18.11.06 20:16)
Hallo Irene,
hast du mal mit Hilde darübergesprochen? Wenn nicht solltest du es unbedingt tun.
Liebe Grüße Ellen


Irene / Website (18.11.06 20:51)
Doch Ellen, ich habe dieses Thema mit Hilde besprochen - es war Teil der Therapie. Erst danach konnte ich meine Ängste besser verstehen. Ich wußte, dass ich diese Geschichte irgendwann auch im Blog schreiben würde, und der Tag war es dann eben....

Ganz werde ich dieses Erlebnis wohl nie los werden, aber immer, wenn ich die Angst mal wieder überwunden habe, fühle ich, dass ich wieder einen Schritt weiter bin. Ich bin froh, dass ich trotzdem auf das Laufen nicht verzichte und in solchen Situationen mein Wille, mich zu bewegen, größer ist als die Angst.

Ellen, cih bin froh, dass du wieder da bist

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